© Anja Schori
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"Box", 2008

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 Mit dem Projekt “Box” (2008), eine Diplomarbeit, die sie an der Ecole Cantonale d’Art de Lausanne verfasst hat, illustriert die junge Fotografin Anja Schori die verkannte und in den Medien wenig verbreitete Welt des Frauenboxens. Es ist eine Welt, die nicht die legendäre Geschichte oder den selben Medienerfolg kennt, wie diejenige der berühmten Namen eines Primo Carnera, Rocky Marciano oder Mike Tyson. Um die verschiedenen Aspekte und Facetten des Frauenboxens darzustellen, wirft Anja Schori mal einen intimen und direkten mal einen glamourösen und sinnlichen Blick darauf. Ob ein Porträt eines vom harten Training noch schwitzenden Gesichtes mit grün leuchtenden Augen, ob eine Faust, die zum entscheidenden Schlag ausholt, ob ein in den Kampf steigender Körper, die Fotografien zeigen Boxklischees mit strotzender Energie, eiserner Entschlossenheit und einer unbestreitbaren Sinnlichkeit. Der Notwendigkeit oder einer Absicht folgend benutzt die Fotografin sowohl Analog- wie Digitalkamera, ihre M6 oder eine analoge Kompaktkamera. So kommt es, dass sich ein anspruchsvoll kontrastreicher Abzug eines Porträts, eine Schwarz- Weiss-Serie eines Trainings, eine grobkörnige Abbildung eines entschlossenen Blickes oder eine Reihenfolge absichtlich unscharfer Fotografien eines Kampfes kontinuierlich abwechseln; wie mühsame und unbarmherzige Abfolgen von Schlägen oder aber wie rasche, geschickte Oberkörperbewegungen.
Roland Barthes bemerkte in “Mythen des Alltags”, dass jeder Boxkampf mit dem Ringen etwas Schwülstiges und hoch Spektakuläres teile — man brauche nur an die mediale Aufregung, welche der Kampf zwischen Ali und Foreman in Kinshasa auslöste, zu erinnern oder der erbarmungslosen Herausforderung; körperliche Gegenüberstellung, die gleichviel Erotik wie Heroismus beinhaltet, in dem sich die Kämpfer stets ausweichen und nähern, um schlussendlich den Gegner k.o. zu schlagen. Ursprünglich als Trauerspiel zu Ehren der Kriegsopfer von Homer in der “Ilias” (XXIII) beschrieben und seit 668 v. Chr. eine olympische Disziplin, hat der Faustkampf von Beginn an eine mythische Bedeutung, die in den heutigen Arenen fortbesteht. In dieser ausschliesslich männlichen Mythologie haben die Frauen lange nur eine nebensächliche Rolle als Frauen / Bilder gespielt, Objekte, die vor einem begeisterten und erregten Publikum zwischen zwei Runden ausgestellt wurden.
In dieser von Testosteron regierten Welt lässt Anja Schori die Boxerinnen zu Wort kommen – und diese haben da ganz sicher etwas zu sagen. Nahaufnahmen, die vom vergangenen harten Training zeugen, wie die eines alten ledernen Boxhandschuhs oder eines in einer Ecke gelassenen Punching Balls, werden intimen Aufnahmen von liegen gelassener Unterwäsche aus dem Umkleideraum gegenübergestellt.
Es gefällt Anja Schori mit der Kriegssymbolik zu spielen und die Bilder, die unter verschiedenen Formen in der männlichen Phantasie existieren, subtil und mehrdeutig zu verfremden: Schwarz-Weiss-Porträts, die an prächtige Pinups der 50er Jahre-Zeitschriften erinnern, sexy und leicht angezogene Frauen, die ihre sinnlichen und energischen Körper dem Objektiv anbieten wie Mannequins während eines Mode-Shootings, vor allem aber Sportlerinnen, die sich mit einer exemplarischen Entschlossenheit in einer nostalgischen und deutlich patriarchalischen Welt durchsetzen. Die wenigen fotografierten Männer erfüllen dabei oft nur Nebenfunktionen und spielen paradoxerweise marginale Rollen.
Die unterschiedlichen Bilder variierender Formate folgen sich in einer vielseitigen und absichtlich edlen Publikation, die an Glanzzeitschriften mit perfekten Werbeklischees und gleichzeitig an Dokumentarfotografie erinnert. Dank dem raffinierten Layout, das den Leser und Betrachter zu einer rhythmischen und dynamischen Lektüre einlädt, situiert sich diese Arbeit von Anja Schori zwischen Dokumentar- und Modereportage. Umso mehr, als der typografischen Bearbeitung, die an Zitate aus Reportagen in Glamourzeitschriften erinnert, eine grosse Wichtigkeit beigemessen wird. Die sozialen Aspekte der Sportart und die deutlich ästhetisierenden Aspekte der Modefotografie wechseln sich gegenseitig ab und werden dank geschickt gewählten Formaten und Bildausschnitten konfrontiert. Anja Schori geht in ihrem Anliegen ungezwungen mit den Codes um und verwirft herkömmliche Vorgehensweisen – Schwarz-Weiss für den Dokumentarstil und grelle Farben für Modefotografie. Stile und Grenzen werden verschwommen, um neu und bedeutend unbeständiger definiert zu werden. (Patrick Gosatti) 


Anja Schori (1983, Berne) obtient en 2008 un diplôme en communication visuelle et photographie à l’école cantonale d’art de Lausanne. Elle reçoit en 2005 le 6e Prix “vfg” Young Talents, Zurich, en 2007 le Prix Helena Zanelli Création (CH) et en 2009 le BFF Förderpreis, Stuttgart. Elle participe en 2009 à l’exposition du Prix Photo du canton de Berne. www.anjaschori.com

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