© Fabian Biasio
vergrössernvergrössern
© Fabian Biasio
© Fabian Biasio© Fabian Biasio

"Die Mitte des Volkes", 2003–2007

headphoneAudio: Fabian Biasio

Download MP3 (4.30 MB)

 Während der Legislaturperiode 2003–2007, als die rechts-konservative SVP (Schweizerische Volkspartei) durch Christoph Blocher im Bundesrat vertreten war, begleitete Fabian Biasio die Mitglieder und Wähler der Partei im Rahmen eines persönlichen Fotoprojektes. Entstanden ist eine präzise Arbeit mit fast ethnologischem Anspruch: «Ich fühlte mich als Forscher, welcher eine in sich geschlossene Welt erkundet – ein Zirkel, mit dem es sonst praktisch keinen Austausch gibt.»
Einen eindrücklichen Blick hinter die Kulissen der offiziellen SVP bieten Biasios Porträts der Parteibasis. SVP-Wähler in den eigenen vier Wänden: Ein Potpourri aus Bauernschränken, Zimmerbrunnen, Spiegel-Fliesen, dunklen Wohnwänden, Hometrainern, bodenständiger Kunst, antiken Puppen und grellbunten Plastik-Vorhängen schlägt einem entgegen. Jedem Porträt ist eine Landschaftsfotografie gegenübergestellt: Die Lieblingslandschaft der abgebildeten Person.
Die Dargestellten geben sich betont selbstbewusst, ja trotzig. Unterschwellig kommt jedoch viel Unbehagen zum Ausdruck. Gekreuzte Beine, nicht-ganz so lässig in die Seiten gestemmte Arme. Auch andern orts zeigt Biasio ein feines Gespür für Körpersprache: Ein X-beiniger Ueli Maurer, der mit dem Sturmgewehr in der Hand von einer Servierdüse überrascht wird und in diesem Moment linkisch wie ein kleiner Junge ausschaut – verletzlich, menschlich. Toni Brunner hält sich am Büsi fest, Thomas Fuchs zieht verkrampft die Schultern hoch: Biasios Bilder sind sorgfältig komponiert, und die Momente, die er auswählt, haben nichts Zufälliges. Wenn man möchte, wird man in den Bildern seine eigenen Vorurteile bestätigt finden. Auf Aussenstehende mag einiges skurril wirken, doch hängt dies vom Standpunkt des jeweiligen Betrachters ab.
Biasio ist kein Zyniker vom Schlage eines Martin Parr. Er zwingt dem Dargestellten seine Sichtweise nicht auf. Immer hält er eine vorsichtige Distanz zu den Porträtierten und lässt sich zu einem gewissen Grad auf ihre Selbstdarstellungen ein: «Während der Bildauswahl war mir sehr wichtig, dass das Endresultat keine Freakshow sein sollte». Biasio zitiert den Fotografen Alec Soth, welcher darauf verweist, dass man beim Porträtieren sein Gegenüber nie wirklich ‹einfangen› kann: «Wenn eine Fotografie irgend etwas dokumentiert, dann ist es der Raum zwischen mir und dem Subjekt». (Simon Stähli)


Fabian Biasio (1975, Zürich) lebt und arbeitet als freischaffender Fotograf in Luzern, wo er vor zehn Jahren an der Schweizer Journalistenschule MAZ die Ausbildung zum Pressefotografen absolvierte. Nebst Auftragsarbeiten für Publikationen im In- und Ausland («Tages Anzeiger», «Das Magazin», «Beobachter», «Spiegel», «Die Zeit» u.a.), hat Biasio zahlreiche eigene Fotoprojekte in der Schweiz, im Irak, im Kosovo, in Indien und in den USA realisiert. Biasios Fotografien wurden mehrfach ausgezeichnet; letztes Jahr erhielt er den EWZ Preis der Sonntagszeitung in der Kategorie Redaktionelle Fotografie. Teile seiner Serie zur SVP wurden 2007 unter dem Titel «Die Mitte des Volkes» als Buch publiziert. (Edition Patrick Frey, mit Texten von Margrit Sprecher. Informationen unter: www.mitte-des-volkes.ch), www.biasio.com

website by aquaverde