© Ingrid Wildi
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© Ingrid Wildi
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"Los Invisibles", 2007

 Für Ingrid Wildi ist der Videofilm ein unmittelbares Medium, das es ihr erlaubt, dem anthropologischen Blick und dokumentarischen Format zu folgen, die ihre Arbeit seit mehreren Jahren charakterisieren. Die Serie “Los Invisibles” lässt fünf kolumbianische Immigranten zu Wort kommen, die seit mehreren Jahren inoffiziell in der Schweiz leben. Sie antworten auf Ingrid Wildis Fragen und zitieren so die Gründe ihrer Auswanderung und die Bedingungen, in denen sie leben.
Durch eine dialektische Montage zeigt die Künstlerin die Realität der Sans-Papiers und vergrössert die Tragweite der Zeugnisse. Wie um ihre Anonymität zu wahren, ist der Ausschnitt auf den Rumpf der Personen gerichtet und spart deren Gesichter aus. In Wirklichkeit zitiert diese Fragmentierung des Körpers zum einen die Existenz, da die Künstlerin die Personen zeigt, die sie befragt, und zum andern eine Form der Abwesenheit, da die Personen ohne ihre Gesichter ihrer Identität beraubt sind. In diesem Prozess liefert der Titel völlige Paradoxie. Indem Wildi die Personen filmt, ohne sie zu identifizieren, zeigt sie das Unsichtbare und unterstreicht so die Diskrepanz, in der die Sans- Papiers leben: sie existieren, aber wir sehen sie nicht, sie leben unter uns, aber sie haben kein Recht auf eine soziale Identität.
Das Ausschliessen der Gesichter veranlasst den Betrachter auch, sich auf die Stimmen und die Körpersprache zu konzentrieren. Gestik, Intonation und Details, die diese Immigranten manifestieren, sagen nicht nur etwas über ihre Situation aus, sondern suggerieren auch Ängstlichkeit, Machtlosigkeit und Zerbrechlichkeit angesichts ihrer Notlage. “Erkennen Sie einen Immigranten auf der Strasse?” Die Antworten auf diese Frage zeigen das scharfe Bewusstsein, dass die Sans-Papiers dafür haben, dass sie nicht der Norm ihres Gastlandes entsprechen, dass sie aus dem Gewöhnlichen herausfallen und, paradoxerweise, dass sie sichtbar sind. Die Farbe ihrer Haut, ihre Art zu sprechen und sogar zu gehen, scheinen sie zu verraten und drücken wider ihren Willen ihre Identität aus.
Der Fragmentierung der Körper entspricht die Zerlegung der Zeugnisse: ein subtiler und im Voraus bedachter Schnitt kettet die Aufnahmen aneinander, und die Stimmen scheinen sich zu antworten, sich zu unterbrechen und zu ergänzen. Am Ende der Intervention erscheint dann eine Botschaft, die die markanten und bei der Erfahrung der Illegalität immer wiederkehrenden Themen hervorhebt. Die Dialektik der Fragmentierung bewirkt so eine Umwandlung, die zu einem Kollektiv- und Universal-Zeugnis führt, als Sinnbild für die Situation der Sans-Papiers in der Schweiz wie in der restlichen Welt. (Anne Froidevaux)


Ingrid Wildi (1963, Santiago du Chili) émigre en Suisse à l’âge de 18 ans. Elle suit le cours préparatoire de la Hochschule für Gestaltung und Kunst à Zurich (aujourd’hui ZHdK) de 1985 à 1987 où elle étudie également (1994–1997) et obtient un postgrade en “mixed media” à l’Ecole supérieure d’art visuel de Genève (aujourd’hui HEAD) en 2000. Elle vit et travaille à Genève et à Bienne et expose régulièrement en Suisse et à l’étranger. En 2009, elle représente le Chili à la Biennale de Mercosur / Porto Alegre, au Brésil. www.ingridwildi.net

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