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"Don’t pay the barber", 2009

headphoneAudio Meinrad Schade and Daniel Puntas Bernet

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 Im Gliedstaat Andra Pradesh im Süden Indiens steht auf einem mächtigen Hügel der Tempel von Tirumala. Es ist ein Pilgerort, und was für einer: Jeden Tag kommen Zehntausende nach Tirumala, um dem Hindu-Gott Venkateswara zu danken.
Es sind meist einfache Leute vom Land, die für Gesundheit, Glück und Arbeit; für das Geschenk der Ehe; für geheilten Krebs, einen geborenen Sohn oder eine reiche Ernte, zuerst stundenlang Schlange stehen und dann Geld oder Gold in den Opferbehälter vor den Schrein von Venkateswara werfen. Und wer zu wenig davon hat, gibt sein Haar.
Im Kalyanakatta-Center auf dem Tempelgelände arbeiten 800 Barbiere in drei Schichten rund um die Uhr, um den Pilgern eine Kahlrasur zu verpassen. In vier Minuten entledigt ein geübter Barbier Kinder, Männer und Frauen ihrer Haare – und das kostenlos. Mehrere Tonnen kommen so täglich zusammen; im obersten Stock des wohl grössten Haarsalons der Welt türmt sich das abgeschnittene Haar. “Der Haarberg steht für die pure Liebe der Pilger zu Venkateswara “, sagt der Direktor des Kalyanakatta-Centers, “wir verdienen damit Geld für den Tempel, viel Geld.” Denn von hier aus nimmt die schwarze Pracht seinen kommerziellen Lauf um die Welt, um für medizinische Zwecke nach Operationen angewendet zu werden, um als Echthaarperücken auf dem Haupt von Glatzenträgern und orthodoxen Jüdinnen zu landen oder – und das ist mit Abstand das grösste Geschäft – um als Haarverlängerung Frauen in Europa und Amerika zu verschönern. Allein in der Schweiz lassen sich jedes Jahr gegen zwölftausend Frauen indisches Tempelhaar einflechten.
Am Geschäft der Tempel-Manager stören sich die Pilger kaum, denn auch für sie ist das Haarelassen ein Geschäft – sie geben ihr Haare als Dank, und wünschen von Venkateswara insgeheim künftige Segnungen. “Es gibt kaum ein Geschäft, das alle Beteiligten der Verwertungskette gleichermassen glücklich zurücklaÅNsst”, sagt Kishore Gupta, Indiens grösster Haarhändler: “Den Spender in seiner Hingabe zu Gott, den Händler, der davon lebt, und den Träger mit seiner neuen Haarpracht.” (Daniel Puntas Bernet)

Die Ausstellung ist ein Beitrag der Neue Zürcher Zeitung, Zeitbilder.

Meinrad Schade (1968, Kreuzlingen) hat eine Ausbildung als Biologe gemacht, wurde dann Mitglied der Gruppe der autodidaktischen Fotografen (GAF) in Zürich und hat anschliessend am Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern studiert. Seit 2002 ist er selbständiger Fotograf und publiziert seine Fotografien in verschiedenen Zeitschriften in der Schweiz und Europa. Des weiteren gehen mehrere Bildbände auf sein Konto. Er hat zwei Stipendien erhalten und stellt regelmässig in der Schweiz aus. www.meinradschade.ch

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