© Nicolas Righetti / Francis Traunig
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"Crucifixion", 2005

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 “Ah, Da bist Du ja, mein Sohn!”
Lucia erhebt sich, und umarmt einen gut aussehenden Mann um die Dreissig. Fernando hat einen Bart und lange Haare.
Die Zärtlichkeit, mit welcher die kaum 16-Jährige diesem doppelt so alten Mann begegnet, verwirrt.
“Wie geht es Dir, mein Kind?”
Fernando trägt Turnschuhe und verwaschene Jeans; von Beruf ist er Ingenieur bei Teflon Mexico. Er spielt bereits zum dritten Mal den Christus und kennt die Rolle in- und auswendig. Zwei Tage vor den Feierlichkeiten musste er unvermittelt einspringen, denn der Mann, den das Komitee ursprünglich als Jesus ausgewählt hatte, war den aussergewöhnlichen Ansprüchen der Rolle nicht gewachsen.
Fernandos Leben ist nicht mehr dasselbe, seit er das erste Mal ans Kreuz genagelt wurde. Sobald er im Dorf sein Gesicht zeigt, wird er zu allem Möglichen um Rat gefragt. Einige bekreuzen sich sogar, wenn sie ihn vorbeigehen sehen.
Es ist schön, sich wiederzusehen. Fernando möchte die Fotos von sich als Jesus sehen, die im letzten Jahr entstanden sind. Für mich werden die Bilder – bereits zum fünften Mal – die Eintrittskarte sein, dank derer ich an den Feierlichkeiten und am Umzug teilnehmen darf. Lucia (welche die Jungfrau Maria spielt), Pontius Pilatus, die Henkersknechte, und viele andere mehr stürzen sich auf die Bilder der letztjährigen Passion. Ich muss mit sanfter Bestimmtheit eingreifen, damit alle einen Abzug ihres Bildes erhalten.
Von den drei Männern, die ich bisher als Jesus fotografiert habe, ist Fernando der charismatischste, und jener, der die Rolle am überzeugendsten ausfüllt.
Das neue Komitee der Festspiele scheint strenger mit den Fotografen umzuspringen – mehr und mehr von ihnen möchten jedes Jahr dem Umzug beiwohnen, in der Hoffnung, von dem bunten Bilderreigen (auch finanziell) zu profitieren. Wenigstens werden bis jetzt noch keine Modellfreigabe-Verträge verlangt.
Dieses Jahr werden wir zu zweit arbeiten: Zwei Blickwinkel auf eine Passion. Ganz aufgeregt sind wir, in der Erwartung, wieder Christus hinterher zu rennen, der selbst seinem sicheren Ende entgegen schreitet. Wir möchten etwas von den intensiven Emotionen einfangen, welche durch diese kollektive Katharsis geweckt werden.


Nicolas Righetti (1967, Genève) vit et travaille à Genève. Après des études à l’Institut d’Etudes Sociales, il entreprend des études audio-visuelles aux Beaux-Arts de Genève et travaille comme rédacteur photo. Reportages pour des magazines internationaux. Il réalise plusieurs ouvrages dont “Le Dernier Paradis“ sur la Corée du Nord aux éditions Olizane (Genève) et “Love Me Turkmenistan” aux éditions trolley (Londres) et Labor et Fides (Genève). Il travaille actuellement comme photographe de presse à l’agence“ Rezo.ch “ à Genève. www.rezo.ch

Francis Traunig (1954, Genève) vit et travaille à Genève. Commerçant et photographe, il photographie d’abord ses clients, rassemblés dans un livre, “Au coeur du Pli“, puis rapporte de nombreux reportages de ses voyages dans le monde entier (Afrique, Etats-Unis, Mexique, Philippines, Brésil, etc.). Il expose régulièrement en Suisse, et depuis 2004 également à l’étranger.
www.traunig.ch

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